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Draußen vor der Tür - eine Nacherzählung

Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will

"Ein Mann kommt nach Deutschland.
Er war lange weg der Mann. Sehr lange, vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder als er wegging."

Beckmann heißt er, dieser Mann, der aus dem Krieg zurückgekehrt ist, mit zertrümmerter Kniescheibe durch die Straßen humpelt und immer noch friert von der Kälte, in der er tausend sibirische Nächte gewartet hat. Beckmann, der nicht nur vom Äußeren her mit seiner jämmerlichen Gasmaskenbrille an eine Vogelscheuche erinnert. Beckmann, der die Menschen erschreckt. "Einer von denen, die nach Hause kommen, und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür."

Vorspiel

Ein überfressener Beerdigungsunternehmer trifft am Ufer der Elbe auf einen alten Mann, der verzweifelt um seine Kinder weint. Sie sind "der Gott, an den keiner mehr glaubt" und der Tod, "der neue Gott". Auf einem Ponton sehen sie eine Silhouette stehen, einen Mann, der alleine am Wasser steht und dessen Silhouette plötzlich verschwunden ist. Er ist "nur einer von der großen grauen Zahl."

Der Traum

Beckmann schwimmt in der Elbe. Doch die Elbe will ihn nicht. Sein Schicksal ist ihr viel zu armselig, seine kleine Handvoll Leben verdammt zu wenig. "Lebe erst mal. Laß Dich treten. Tritt wieder!" verhöhnt sie ihn. Erst wenn er lahmgestrampelt ist, sein Herz "auf allen vieren angekrochen kommt", dann will sie mit ihm über die Sache reden. Doch jetzt spuckt sie ihn einfach bei Blankenese wieder ans Ufer und ins Leben zurück.

1. Szene

Als Beckmann wieder zu sich kommt, trifft er am Ufer der Elbe auf den Anderen, "der von Gestern. Der von früher. Der Andere von Immer. Der Jasager... der Optimist, der an den Bösen das Gute sieht, ... der weitermarschiert, auch wenn gehumpelt wird", der durch das ganze Stück hindurch sein stiller Begleiter bleiben wird.

Ihm erzählt Beckmann, warum er keinen Vornamen mehr hat. Gestern kam er wieder nach Hause, zu seiner Frau. "Drei Jahre sind viel, weißt du. Beckmann." Das hat seine Frau zu ihm gesagt. Ihn nur noch Beckmann genannt wie ein Möbelstück. "Und der andere, der bei ihr war, der hat gegrinst."

Und während Beckmann dem Anderen von dem Traum von der Elbe erzählt, die ihn einfach wieder ausgespuckt hat, kommt von weitem ein Mädchen auf sie zu, das etwas gehört hat, nachts, so nah an der Elbe. Sie hilft ihm auf, Beckmann, mit dem sie Mitleid hat, den sie einen "stummen nassen Fisch" nennt. Und dann nimmt sie ihn zu sich nach Hause, weil er "so eine hoffnungslos traurige Stimme" hat.

2. Szene

Das Mädchen umsorgt Beckmann, nimmt ihm seine Gasmaskenbrille ab, mit der er aussieht wie ein Gespenst ("Vielleicht bin ich auch ein Gespenst. Eins von gestern, das heute keiner mehr sehen will."). Doch als sie ihm eine Jacke überzieht, eine Jacke, die ihm viel zu groß ist, eine Jacke, die einmal ihrem Mann gehört hat, der jetzt in Stalingrad vermißt ist, beginnt sich Beckmann unwohl zu fühlen. Und mit einen Mal hat er das Gefühl, als sei da noch ein anderer im Zimmer, ein Eibeiniger, dessen Krücken er im monotonen Klopfen immer näher kommen hört...

Plötzlich steht der Mann vor ihm, zu dessen Statur die übergroße Jacke paßt und fragt ihn, so wie gestern Beckmann einen anderen gefragt hat, was er hier tue, in seinem Zeug, bei seiner Frau. Und dann unter dem Schein der Lampe erkennt ihn der Einbeinige wieder. Leise, aber mit ungeheurem Vorwurf spricht er nur seinen Namen aus: "Beckmann... Beckmann..." und treibt diesen in Panik aus dem Zimmer und durch die nächtlichen Straßen, fliehend vor seinem eigenen Namen.

Schon fast an der Elbe angekommen, trifft Beckmann erneut auf den Anderen, den Jasager, der ihn zurückhalten will. Ihm offenbart er, wer der Einbeinige war, in dessen Jacke und bei dessen Frau er eben noch saß, der nur mehr ein Bein hat, weil es einen Unteroffizier Beckmann gab, der ihn anwies: "Obergefreiter Bauer, Sie halten Ihren Posten unbedingt bis zuletzt." Wie kann er weiterleben, wo es diesen Einbeinigen gibt, der unablässig seinen Namen sagt: "Beckmann!" Da schlägt ihm der Andere vor, jemanden zu besuchen, einen Mann, dem er seine Verantwortung einfach zurückgeben kann.

3. Szene

Der Oberst sitzt mit seiner Familie beim Essen, als Beckmann bei ihm vorgelassen wird mit dem Vorsatz ihm die Verantwortung zurückzubringen, die ihm der Oberst bei Gorodok für die zwanzig Mann übergeben hat, von denen elf Mann fehlten, als sie von ihrer Kundschaft wieder zurückkamen. Denn Nacht für Nacht flüstern deren Frauen, Mütter, Kinder: wo ist mein Mann, Unteroffizier Beckmann, wo ist mein Sohn, wo ist mein Vater? Nur elf Frauen sind es bei ihm. Da wird es dem Oberst doch nichts ausmachen, daß Beckmann diesem zu seinen zigtausenden noch die Verantwortung für seine elf überträgt, damit er endlich wieder ruhig schlafen kann.

Einen Moment ist der Oberst aus der Fassung gebracht, doch dann "siegt sein gesundes Preußentum, und er lacht aus voller Kehle". Und er entscheidet sich diesen Menschen mit seiner ulkigen Brille und der blödsinnig versauten Frisur einfach als Witzbold zu nehmen: "Mein Lieber, Sie müssen so auf die Bühne! Die Menschheit lacht sich ja kaputt!" Und jovial bietet er Beckmann für die schöne Nummer, die dieser ihm geboten hat seinen alten Anzug an. "Und dann werden Sie erstmal wieder ein Mensch!"

Als Beckmann wieder auf der Straße steht, betrunken von einer Flasche Rum, die er entwendet hat, beschließt auch er: "Die Leute haben ja recht. Ich geh zum Zirkus. Die Menschheit lacht sich kaputt. Es lebe das Gelächter über die Toten. Es lebe der Zirkus! Der ganze große Zirkus!"

4. Szene

Der Direktor eines Kabaretts hält Beckmann lange selbstgerechte Reden voll Phrasen von einer leidenschaftlichen, revolutionären Jugend, die die Kunst brauche, doch Beckmanns Ballade von der tapferen kleinen Soldatenfrau, deren Bett von einem anderen besetzt ist ("Daß ich mir nicht das Leben nahm, das hat mich selbst entsetzt."), ist ihm "zu deutlich, zu laut. Zu direkt. Etwas genialer, überlegener, heiterer müssen wir den Leuten schon kommen. Positiv, mein Lieber!" Und er erinnert an Goethe, der mit seinem Herzog ins Feld zog und am Lagerfeuer eine Operette schrieb. "Das ist der große Abstand!" Und überhaupt: "Mit der Wahrheit hat die Kunst doch nichts zu tun! Wo kämen wir hin, wenn alle Leute plötzlich die Wahrheit sagen wollten?" Und mit vielen hohlen wohlklingenden Worten geleitet er den bitteren Beckmann aus dem Theater.

Draußen vor der Tür wartet schon wieder der Andere, und er entfacht in Beckmann eine letzte Hoffnung: "Du mußt nach Hause, Beckmann. Dein Vater steht schon in der Stube und wartet. Und deine Mutter steht schon an der Tür." Da bricht es auch aus Beckmann heraus: "Nach Hause! Ja, ich will nach Hause! Ich will endlich zu meiner Mutter!"

5. Szene

Eine Frau Kramer ist es, die die Tür zu Beckmanns alter Wohnung öffnet und ihm in herzloser Schwatzhaftigkeit eröffnet, seine Eltern lägen jetzt in "Kapelle 5" auf dem Ohlsdorfer Friedhof: "Eines Morgens lagen sie steif und blau in der Küche. So was Dummes, von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat kochen können..."

Auf den Stufen vor seiner Tür sinkt Beckmann zusammen. Er will nicht mehr weiter. "Ich bin müde wie eine ganze, gähnende Welt." In seinem dämmernden Todesschlaf treten noch einmal die Figuren des Stückes eine nach dem anderen auf: Der liebe Gott, ein nur noch um sich selbst weinender alter Mann, den er fragt: "Wann bist Du eigentlich lieb, lieber Gott?" Der Tod der in diesen Zeiten als Straßenfeger auftritt und die Toten nur noch zusammenzukehren braucht. Der Oberst, der ihn für einen Bettler hält und angewidert befindet: "War'n einer von denen, die sowieso vor die Hunde gegangen wären." Der Direktor, der ihm achselzuckend attestiert: "Sie waren prädestiniert für tragische Rollen." Frau Kramer, die sich robust gibt: "Jeden Tag macht einer davon. Wo kommt man hin, wenn man alle Leute beweinen wollte." Das Mädchen, das ihn gesucht hat: "Immerzu. Dich! Und nur Dich." und das ihn für einen Moment wieder ins Leben zu rufen vermag: "Willst Du nicht mit mir lebendig sein?" Doch dann taucht wieder ihr Mann auf, der Einbeinige, der noch immer seinen Namen ruft: "Beckmann!" Denn dieser ist es, der ihn auf dem Gewissen hat: "Du warst da, Beckmann, auf meinem Platz, bei meiner meiner Frau, von der ich drei Jahre lang geträumt habe. Na, ich hab mich dann verzogen. In die Elbe. Jetzt bin ich erst einen Tag tot - und du hast den Mord schon vergessen." Erst als Beckmann ihm verspricht, ihn nicht zu vergessen, findet der Einbeinige seine Ruhe.

Als sie alle gegangen sind, ist auch der Andere verschwunden, der die ganze Zeit noch versucht hat, ihn ins Leben zurückzurufen und von der Güte der Menschen zu überzeugen. Verzweifelt ruft Beckmann nach ihm: "Wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehn wir einen Mord. Und du - du sagst, ich soll leben! Wozu? Für wen? Für was? Wohin sollen wir denn auf dieser Welt! Wo bist Du jetzt, Jasager? Jetzt antworte mir! Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht!
Gebt doch Antwort!
Warum schweigt ihr denn? Warum?
Gibt denn keiner Antwort?
Gibt keiner Antwort???
Gibt denn keiner, keiner Antwort???"

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