Ausgewählte Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert
in Inhaltsangaben und Zitaten


Hier lassen sich die Geschichten komplett und unverfälscht genießen.

Die Hundeblume

Er hat keinen Namen, der Erzähler von Borcherts Geschichte, nur eine Nummer, die Nummer, die an seiner Zellentür steht: der Gefangene Nummer 432, eingesperrt mit nichts als sich selbst, "ohne die Möglichkeit einer Tat".
Die einzige Abwechslung ist der tägliche Rundgang auf dem Hof. Doch "leer von Liebe" ist das einzige Gefühl, zu dem der Gefangene noch fähig ist, der Haß auf seinen Vordermann, von dem er Tag für Tag nichts sieht als seinen Rücken, bis er eines Tages eine Blume auf dem Gefängnishof erspäht, eine armselige Hundeblume, die doch zu seiner ganzen Sehnsucht wird. Kaum gönnt er sich einen Blick sie, aus lauter Angst, die anderen, vor allem die hundegleichen Wärter mit ihrem Gebell könnten sie ihm streitig machen. Doch der bloße Anblick genügt ihm schon bald nicht mehr. Tag für Tag lenkt er den Kreis der ihm im Herdentrieb folgenden Häftlinge näher und näher an die Blume, bis er sie schließlich unbemerkt pflücken kann.
Zurück in der Zelle, läßt ihn das Glück seiner Blume alles vergessen und abstreifen, was ihn so belastete: "die Gefangenschaft, das Alleinsein, den Hunger nach Liebe, die Hilflosigkeit seiner zweiundzwanzig Jahre", und er fühlt nur noch eins: so werden wie diese Blume. In der gleichen Nacht, die Blume noch in der Hand, stirbt er, spürt wie man Erde auf ihn häuft, wie er wird wie sie, und wie dann aus ihm Blumen wachsen...


Radi

"Heute nacht war Radi bei mir." beginnt der Erzähler. Doch Radi ist tot, in Rußland gefallen. Und jetzt taucht er in der Nacht bei seinem alten Mitschüler auf. "Lach nicht." bittet er. Denn natürlich hat er gemerkt, daß seine Mitschüler immer über ihn gelacht haben, weil er so ein "weiches Gesicht" hatte mit blonden Bartspitzen am Kinn und "ängstliche und unsichere Augen".
Doch jetzt taucht er bei seinem Mitschüler wieder auf, weil der ihn doch kenne, sich doch noch an ihn erinnern müsse. Er führt ihn nach Rußland und zeigt ihm die Leiche, die am Boden liegt. "Sag doch selbst, kann ich das hier sein? Findest Du das nicht furchtbar fremd? Mit all dem, was ich früher war, hat das nichts mehr zu tun."
Nicht nur sein Skelett ist ihm unvertraut. Auch die russische Erde ist ihm widerlich, so fremd, die Bäume so traurig, ja die Wälder schreien in seinen Ohren, weil sie russische Wälder sein müssen. Erst als sein alter Mitschüler an der Erde riecht, und ihm bestätigt, sie rieche wie alle Erde, ja sie rieche sogar gut, beruhigt sich Radi allmählich, riecht auch an der Erde. "Und er sagte das Wort fremd immer weniger. Immer leiser sagte er es. Er roch und roch und roch", während sein Mitschüler auf Zehenspitzen nach Hause zurückschleicht.


An diesem Dienstag

"Die Woche hat einen Dienstag. Das Jahr ein halbes Hundert. Der Krieg hat viele Dienstage."
An diesem Dienstag erhält Frau Hesse den Brief von der Front, daß ihr Mann zum Hauptmann befördert worden ist. Stolz zeigt sie ihn der Nachbarin: "An Frau Hauptmann Hesse". An diesem Dienstag wird Leutnant Ehlers die zweite Kompanie übetragen, die Kompanie von Hauptmann Hesse, der sich krank gemeldet hat. Er sei ein bißchen flau geworden, seit er Hauptmann sei, befindet der Bataillonskommandant. An diesem Dienstag spielen sie die Zauberflöte. Frau Hesse sitzt mit rot geschminkten Lippen im Publikum. An diesem Dienstag fragt Schwester Elisabeth den Unterarzt, ob man dem Kranken noch etwas geben solle. Nein, sagt der so leise, als ob er sich schämt. Dann wird Hauptmann Hesse auf einer Bahre herausgetragen. An diesem Dienstag sitzt die kleine Ulla vor ihren Schulaufgaben. Zehnmal muß sie den Satz schreiben: "Im Krieg sind alle Väter Soldat." Krieg schreibt man mit G, hat ihre Lehrerin ihr eingebleut. G wie Grube.


Der Kaffee ist undefinierbar

"Sie hingen auf ihren Stühlen. Über die Tische waren sie gehängt. Hingehängt von einer fürchterlichen Müdigkeit. Für diese Müdigkeit gibt es keinen Schlaf. Es war eine Weltmüdigkeit, die nichts mehr erwartet." Vier Menschen warten in einem Wartesaal auf den Zug, drei Männer und eine Frau. "Sie hingen in einem Leben, hingehängt von einem Gott ohne Gesicht. Von einem Gott, der nicht gut und nicht böse war. Der nur war. Und nicht mehr. Und das war zu viel. Und das war zu wenig."
Sie trinken Kaffee, der undefinierbar ist. Doch die Frau sagt, ihr mache das nichts. "Ich will da nur meine Tabletten mit nehmen." Und nüchtern fügt sie hinzu: "Ich muß mir das Leben nehmen." Die drei Männer sind erstarrt. Der mit den kurzen Fingern empört sich, wie man so etwas nur sagen könne. Wenn jeder sagen würde, was er denkt, das würde doch kein Mensch mehr aushalten. Und er rechnet vor, daß ihm für seine Bäckerei am morgigen Tag viertausendachthundert Brote fehlen, was viertausendauchthundert hungernde Familien bedeutet. Der andere mit dem fröhlichen Gesicht denkt nur, die ist verrückt. Ja, am liebsten würde er sie einfach erschlagen. Er kommt aus dem Krieg zurück. Er will nichts anderes, als mit seinen Eltern morgens auf dem Balkon sitzen und Kaffee trinken. Und dann redet diese Verrückte davon, sie wolle sich umbringen. Da meldet sich der Dritte zu Wort, der die ganze Zeit im Buch gelesen hat. Ihm sind die beiden anderen zu materialistisch. Ob der Bäcker denn nicht genauso mit Waffen wie mit Broten rechnen würde. Er steht auf und ist für sich heimlich der Sieger, will lächeln, aber dann reißt er den Mund auf zu einem Schrei: während ihrer Diskussionen ist die Frau verschwunden. Ihre Tasse ist leer, und nur noch das leere Glasröhrchen ihrer Tabletten ist zurückgeblieben.
"Er ließ das Glasröhrchen über den Tisch fallen. Es fiel runter. Und war kaputt. (Und Gott? Er höre das kleine Geräusch nicht. Ob ein Glasröhrchen zersprang - oder ein Herz: Gott hörte von all dem nichts. Er hatte ja keine Ohren. Das war es. Er hatte ja keine Ohren.)"


Die Küchenuhr

Alles, was ihm geblieben ist, dem jungen Mann mit dem alten Gesicht, nach dem Bombenagrff, alles ist seine alte Küchenuhr, die ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. Die anderen, denen er von seiner Küchenuhr erzählt, nicken wissend: das käme vom Druck der Bombe, daß dann die Uhren stehen blieben. Doch der junge Mann schüttelt den Kopf. Nein, halb drei, da war etwas ganz anderes. Halb drei, das war nämlich die Uhrzeit, zu der er immer nach Hause gekommen ist. Fast immer nachts um halb drei. Doch egal, wie leise er war, seine Mutter hat ihn immer gehört und hat ihm noch das Abendessen warm gemacht. Jede Nacht war es so, fast immer um halb drei. Ihm war das so selbstverständlich gewesen, doch jetzt, jetzt weiß er, das war das Paradies. Jetzt ist ihm nur noch die Küchenuhr geblieben, die ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist. "Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte immerzu an das Wort Paradies."


Nachts schlafen die Ratten doch

Mitten in der Schuttwüste nach einem Bombenangriff wartet ein kleiner Junge. Er muß hier aufpassen, das erklärt er dem Mann mit dem Korb voller Kaninchenfutter. Und deswegen kann er auch nicht mit ihm mitkommen und sich seine Kaninchen anschauen. Der Mann merkt, daß sich der Junge nicht helfen lassen will, nicht einmal mit seinen Kaninchen ködern und will gerade gehen, als er doch noch mit dem Grund herausrückt: "es ist wegen den Ratten." Die Ratten essen doch die Toten, das hat ihm sein Lehrer einmal erzählt. Und deswegen muß er jetzt hier aufpassen. Denn unter der Schuttwüste liegt sein Bruder. "Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muß hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich."
Einen Moment sieht der Mann ihn an, dann fängt er plötzlich an: "Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, daß die Ratten nachts schlafen?" Der Junge sieht auf einmal ganz müde aus, und der Mann fährt fort: "Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird schon." Langsam bröckelt der Widerstand des Jungen. "Wenn sie wirklich nachts schlafen." Und nun interessiert er sich doch für die Kaninchen. Ob er sich eins aussuchen dürfe? Der Mann verspricht wiederzukommen, sobald es dunkel wird, und ihn dann nach Hause zu begleiten. Er müsse dem Vater des Jungen doch zeigen, wie man einen Kaninchenstall baut. Der Junge ruft ihm hinterher: "Ich warte. Ich muß ja noch aufpassen, bis es dunkel wird. Ich warte bestimmt." Und als der Mann weggeht, schwenkt sein Korb aufgeregt hin und her. "Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt."


Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck

In wilden Wortkaskaden schreit Borchert die Frage hinaus: Wer unter uns erträgt in den schwülen Mainächten das Geschrei des Kuckucks? "Und du stehst, von dem Kuckuck wild gemacht mit all deinen Weltwünschen da, allein, ohne wohin, so allein, und dann haßt du den Mai, haßt ihn vor sehnsüchtiger Liebe, vor Weltschmerz, haßt ihn mit deiner ganzen Einsamkeit, haßt diesen Kuckuck im Mai, diesen..."
Vor diesem Kuckucksschrei, verstummt sogar der Dichter: "Tut eure heroische Tat: Verschweigt! Verschweigt den Kuckucksschrei eures einsamen Herzens, denn es gibt keinen Reim und kein Versmaß dafür."
Ein Mann und eine Frau, wie so oft. Die Frau läßt ihn bei sich schlafen, und er gibt ihr Brot dafür. Sie denkt, wie jung er ist. Doch er hat einen ganzen Krieg erlebt und ist wiedergekehrt als zwanzigjähriger Greis, den keiner mehr erkennt, voll Hunger nach einer neuen Stadt, die es nicht gibt.
"Der Schluß ist dann so wie alle wirklichen Schlüsse im Leben: banal, wortlos, überwältigend." Am nächsten Morgen geht er, ohne noch ein Wort zu sagen, ohne sich umzudrehen. "Das ist so gut. Denn was hätte sie tun sollen? Winken? Etwa winken?"


Die lange lange Straße lang

"57 haben sie bei Woronesch begraben. Ich bin Leutnant Fischer. Mich haben sie vergessen. Ich war noch nicht ganz tot. Zweimal habe ich schon gelegen. Jetzt bin ich Herr Fischer. Ich bin 25 Jahre alt. 25 mal 57. Und die haben sie begraben. Nur ich, ich, ich bin unterwegs. Ich muß die Straßenbahn noch kriegen."
Ein Mann wankt durch die Stadt wie in einem Fiebertraum. "Wand Wand Tür Fenster Glas Glas Glas Laterne alte Frau rote rote Augen Bratkartoffelgeruch Haus Haus Klavierunterricht pink pank die lange lange Straße lang." Er ist zurückgekehrt aus dem Krieg, man grüßt ihn als Herr Fischer, doch kann er einfach wieder Herr Fischer sein? Er hat Hunger, doch der liebe Gott hat ja keinen Löffel, wie eine Mutter ihrem Kind zu erklären versucht. Und so läuft er, läuft die lange lange Straße lang, läuft mit seiner Angst durch die Welt, läuft vor dem Schreien davon, links ein Fußballstadion, rechts die Oper. "MUTTER! schreit Leutnant Fischer auf der endlosen Straße. Leutnant Fischer bin ich. BARABAS! schreit der große Chor der Saubergewaschenen. HUNGER! bellt der Bauch von Leutnant Fischer. Leutnant Fischer bin ich. TOR! schreien sie rechts von der Straße. WORONESCH! schreie ich dazwischen. Aber die Tausend schrein gegenan. BARABAS! schrein sie rechts. TOR! schrein sie links. PASSION spielen sie rechts. FUSSBALL spielen sie links. Ich steh dazwischen. Ich. Leutnant Fischer. 25 Jahre jung. 57 Millionen Jahre alt."
Endlich erreicht er die Straßenbahn, springt auf, doch als er die anderen fragt, wohin sie fährt, sagt keiner ein Wort. "Es ist ein uralter Schaffner mit zehntausend Falten. Man kann nicht erkennen, ob es ein böser oder ein guter Schaffner ist. Aber alle bezahlen bei ihm. Und alle fahren mit. Und keiner weiß: wohin? Und alle fahren: mit. Und keiner weiß ---- und keiner weiß ---- und keiner weiß ----"


Das Brot

"Plötzlich wachte sie auf." Die alte Frau hat in der Küche ein Geräusch gehört. Dort steht sie ihrem Mann gegenüber, sieht, daß er sich Brot abgeschnitten hat, doch sie sieht vom Teller weg. "Ich dachte, hier wär was." sagt er. "Ich habe auch was gehört" sagt sie, stellt den Teller vom Tisch und wischt die Brotkrümel weg. "Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, daß er log. Daß er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren." Als sie beide wieder im Bett liegen, hört sie, daß er noch leise kaut.
Am nächsten Abend schiebt sie ihm vier Scheiben Brot hin statt drei. "Du kannst ruhig vier Scheiben essen. Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iß du mann eine mehr." Sie sieht, wie er sich tief über seinen Teller beugt, und in diesem Augenblick tut er ihr leid. "Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch."


Gottes Auge

Sein Großvater ist gestorben, an diesem Tag, wo es zum Mittagessen Kabljau gibt, und der Junge mit dem Auge des Fischs auf seinem Teller herumspielt. Der Fisch spüre das doch nicht mehr, er sei schließlich tot. Doch die Mutter versucht ihm zu erklären, mit einem Auge spiele man nicht. Das Auge habe der liebe Gott genauso gemacht wie sein eigenes.
"Du bist das Auge vom lieben Gott?" flüstert der Junge, als die Mutter ihm allein läßt. "Dann kannst du wohl auch sagen, warum Großvater heute mit einmal tot ist. Sag das, du!" Doch das Auge sagt nichts, wie sehr es der Junge auch versucht, zu erfahren, ob der Großvater doch noch einmal wiederkomme. Da stößt der Junge den Teller wütend von sich und das Auge rollt auf den Boden.
"Gottes Auge lag auf der Erde. Aber es sagte nichts. Ich sah noch einmal hin. Nein, Nichts. Ich stand auf. Ich stand langsam auf, um Gott Zeit zu lassen. Ganz langsam ging ich zur Küchentür. Ich faßte nach dem Türgriff. Ich drückte ihn langsam herunter. Mit dem Rücken zum Auge wartete ich so noch einen langen langen Augenblick an der Küchentür. Es kam keine Antwort. Gott sagte nichts. Da ging ich, ohne mich nach dem Auge umzusehen, laut aus der Tür."


Das ist unser Manifest

"Helm ab Helm ab:- Wir haben verloren!" So beginnt Borcherts Manifest, das er als ein Manifest seiner Generation schrieb, und das doch nur sein eigenes blieb, und die Menschen so wenig erreichte, wie sie schon hinter diesem ersten Satz standen. "Wir werden nie wieder antreten auf einen Pfiff hin und Jawohl sagen auf ein Gebrüll."
"Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre? Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz. Wir brauchen kein Stilleben mehr. Unser Leben ist laut. Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv."
"Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht Nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Protest." Denn Borchert will weiter: "Wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen." So faßt er später zusammen: "Unser Manifest ist die Liebe." Und endet: "Doch, doch: wir wollen in dieser wahn-witzigen Welt noch wieder, immer wieder lieben!"


Lesebuchgeschichten

Wie einem Lesebuch entnommen sind diese kleinen Fragmente, Mosaiksteine in einer schlichten Sprache, die gerade deshalb die Absurdität und sinnentleerte Grausamkeit des Krieges um so deutlicher hervortreten lassen: "Zwei Männer sprachen miteiander. Freiwilliger? 'türlich. Wie alt? Achtzehn. Und du? Ich auch. Die beiden Männer gingen auseinander. Es waren zwei Soldaten. Da fiel der eine um. Er war tot. Es war Krieg."
"Es waren einmal zwei Menschen. Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen. Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen mit Steinen. Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nach einander. Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben. Als sie zweiundsechzig waren, namen sie Bakterien. Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie. Sie wurden nebeneinander begraben. Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch ihre beiden Gräber fraß, merkte er gar nicht, daß hier zwei verschiedene Menschen begraben werden. Es war dieselbe Erde. Alles dieselbe Erde."


Dann gibt es nur eins!

"Du Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!"
Mädchen hinter den Ladentischen und Mädchen im Büro, Besitzer der Fabrik, Forscher im Laboratorium, Dichter in deiner Stube, Arzt am Krankenbett, Pfarrer auf der Kanzel, Kapität auf dem Dampfer, Pilot auf dem Flugfeld, Schneider auf deinem Brett, Richter im Talar, Mann auf dem Bahnhof, Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt, Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, Mutter in Frisko und London, am Hoangho und Mississipi, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo, Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt - an sie alle richtete Borchert seinen eindringlichen Appell, sich zu verweigern. Wie viele haben ihn vernommen?


Die Professoren wissen auch nix

"Ich bin ein Omelett. Vielleicht nicht so appetitlich und knusperig, aber ich liege mindestens ebenso gelb und flach in der schwarzen Stimmung meines Krankseins wie das Omelett in der Schwärze seiner Bratpfanne." Vielleicht Borcherts persönlichste Geschichte, diese Schilderung aus dem Krankenbett, vielleicht seine letzte aus dem Sterbebett. In jedem Fall eine seiner schönsten.
Die neunzig Pfund seines Vaters hämmern unentwegt auf die fünfundvierzig Pfund der Schreibmaschine ein, bringen die Träumereien des Fiebernden aufs Papier, aus Angst, der ruhelose Sohn könnte sich sonst selbst aus dem Bett schleppen. Und doch diskutiert er mit diesem heftig über einen Katzenknochen in der Geschichte (kein Anatomieprofessor könnte von der Brücke den Knochen einer Katze zuordnen - "die Professoren wissen nämlich auch nix, mein Lieber!"), bis der Sohn "überzeugt, aber zu kläglich, es zuzugeben" seine Geschichte ändern läßt.
Und dann besucht ein Mädchen den Kranken. "Es hat dunkle Augen und dunkle Haare, aber es geht lichter als sieben Sonnen über meiner schwarzen Stimmung auf." Und: "Ihre neunzehn Jahre lassen meinen Puls wie ein Äffchen eine Palme hochklettern, von wo aus es mit rothaarigen Kokosnüssen nach mir wirft." Die beiden schweigen. "Was sollen wir jetzt auch noch sagen? Keinem Tenor der Welt würde nach unseren Kokosnüssen noch etwas Besseres einfallen. Niemand wüßte etwas Schöneres. Die Professoren erst recht nicht. Die Professoren wissen gar nix!"
Doch der Vater weiß, "das das Trommelfeuer von Kokosnüssen meine Leber ruinieren würde, wenn er nicht eingreift." Und so geht das Mädchen wieder. Und der Vater hackt den Sohn mit dem Rhythmus der Schreibmaschine in einen paradiesischen Traum. "Es ist ein Traum von Palmen, Kokosnüssen, Äffchen und dunklen, dunklen Augen."


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